Birgit Dohmen zum Sachkundenachweis

05-02-17 BVPD 0 Kommentare

„Denn sie wissen nicht was sie tun …!“

Beinahe jeder, der mit dem Lebewesen Pferd in irgend einer Weise verbunden ist, dürfte bereits einmal damit konfrontiert worden sein; sei es aus „verlässlicher Quelle“, den Medien oder , im übelsten Fall aus eigener Erfahrung – Horrormeldungen über ausgebrochene Pferde aus der Weide, Reitunfälle die sich im Gelände oder auch auf Turnieren und Reitanlagen ereignen, Deckunfälle und ähnliches werde in regelmäßigen Abständen laut. In minder schweren Fällen kommt es dabei lediglich zu Blessuren für alle Beteiligten inklusive der Schreckminuten und das Ganze nimmt ein glimpfliches Ende, in der Mehrzahl jedoch haben diese Ereignisse oft schwerwiegendere Folgen mit Personenschäden deren Konsequenzen sich keiner wirklich stellen möchte … sollten sie denn eintreten!

Je intensiver man in derlei Vorfälle involviert wird, wie es beispielsweise bei der Erstellung von Gutachten der Fall ist umso deutlicher wird Folgendes klar:

In den seltensten Fällen passieren derlei Unfälle im Zusammenhang mit qualifizierten Personen, weit häufiger dagegen ereignen sie sich im Freizeitbereich, oft werden von zeitknappen Pferdebesitzern auch engagierte Jugendliche oder auch Erwachsene beauftragt die sich mit Hingabe, jedoch wenig Fachkenntnis mit der Pflege und dem Bewegen der ihnen anvertrauten Pferde beschäftigen.

Will man sich das einmal vergegenwärtigen so scheint der Zeitpunkt gegeben sich ausführlich Gedanken darüber zu machen wie sich Risiken im Umgang mit dem Lebewesen Pferd minimieren lassen. Natürlich „weiß“ (?) ja jeder wie er sich in der Regel zu verhalten hat. Jedem ist bewusst dass er sich einem Pferd nicht direkt von hinten zu nähern hat ohne sich bemerkbar zu machen, dass Pferde Fluchttiere sind die sich, für ihr Empfinden gefährlichen Situationen durch Flucht zu entziehen versuchen , und die sich oft ungern von einer Gruppe ihrer Artgenossen entfernen weil sie Herdentiere sind. Die Leitsprüche diesbezüglich sind schier unendlich an Zahl.

Doch sind dies die einzigen Aspekte die zu beachten sind und hält die Ansicht dass ein ausreichend fundiertes Wissen um das Lebewesen Pferd in der breiten Masse derer, die mit Pferde umgehen, vorhanden ist einer detaillierten Überprüfung stand?

Fakt ist dass niemand, der als Privatperson mit Pferden Umgang pflegt, verpflichtet ist sich im Vorfeld die dazu nötige Sachkenntnis anzueignen. Anders als beim Führen eines Personenkraftwagens, dem Wunsch die Jagd aus zu üben, oder Hunde bestimmter Rassen zu erwerben oder zu halten, bedarf es keinerlei Qualifikation um einen Equiden zu erwerben oder privat zu halten. Auch die Betreuung und der Umgang sind, juristisch betrachtet, völlig frei von jeglichem Anspruch auf Kompetenz.

Da Unfälle mit schwerwiegenden Folgen, wie es beispielsweise Kollisionen von Pferden mit Fahrzeugen darstellen, zumeist Personenschäden- immer aber jedoch; meist tödliche Folgen, für das verursachende Tier haben, ist hier eindeutig Grund gegeben einmal ausführlich nachzudenken.

Inwieweit besteht also Handlungsbedarf seitens aller mit dem Pferdesport und der -haltung verknüpften Institutionen um in diesem Bereich ein adäquates Maß an Sicherheit durch Fachwissen zu gewährleisten?

Um sich dies deutlich zu machen muss zunächst einmal die Gesetzeslage in Augenschein genommen werden.

Grundlage muss diesbezüglich in erster Linie das Tierschutzgesetz sein und dies in folgender Fassung:

“Tierschutzgesetz in der Fassung der Bekanntmachung vom 18. Mai 2006 (BGBl. I S. 1206, 1313), das zuletzt durch Artikel 3 des Gesetzes vom 28. Juli 2014 (BGBl. I S. 1308) geändert worden ist”

 

Grundsatz

§ 1

Zweck dieses Gesetzes ist es, aus der Verantwortung des Menschen für das Tier als Mitgeschöpf dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen.

§ 2

Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat,

  1. muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen,
  2. darf die Möglichkeit des Tieres zu artgemäßer Bewegung nicht so einschränken, dass ihm

Schmerzen oder vermeidbare Leiden oder Schäden zugefügt werden,

  1. muss über die für eine angemessene Ernährung, Pflege und verhaltensgerechte Unterbringung des Tieres erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen.

 § 2a

(1) Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (Bundesministerium) wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit Zustimmung des Bundesrates, soweit es zum Schutz der Tiere erforderlich ist, die Anforderungen an die Haltung von Tieren nach § 2 näher zu bestimmen und dabei insbesondere Vorschriften zu erlassen über Anforderungen

  1. hinsichtlich der Bewegungsmöglichkeit oder der Gemeinschaftsbedürfnisse der Tiere,
  2. an Räume, Käfige, andere Behältnisse und sonstige Einrichtungen zur Unterbringung von Tieren sowie an die Beschaffenheit von Anbinde-, Fütterungs- und Tränkvorrichtungen,
  3. hinsichtlich der Lichtverhältnisse und des Raumklimas bei der Unterbringung der Tiere,
  4. an die Pflege einschließlich der Überwachung der Tiere; hierbei kann das Bundesministerium auch vorschreiben, dass Aufzeichnungen über die Ergebnisse der Überwachung zu machen, aufzubewahren und der zuständigen Behörde auf Verlangen vorzulegen sind,

 

  1. an Kenntnisse und Fähigkeiten von Personen, die Tiere halten, betreuen oder zu betreuen haben und an den Nachweis dieser Kenntnisse und Fähigkeiten.

Achter Abschnitt
Zucht, Halten
von Tieren, Handel mit Tieren

§ 11 ( auszugsweise)

Wer

  1. Wirbeltiere
  2. gewerbsmäßig
  3. a) Wirbeltiere, außer landwirtschaftliche Nutztiere und Gehegewild, züchten oder halten,
  4. b) mit Wirbeltieren handeln,
  5. c) einen Reit- oder Fahrbetrieb unterhalten,

will, bedarf der Erlaubnis der zuständigen Behörde. In dem Antrag auf Erteilung der Erlaubnis sind

anzugeben:

  1. die Art der betroffenen Tiere,
  2. die für die Tätigkeit verantwortliche Person,

Dem Antrag sind Nachweise über die Sachkunde im Sinne des Absatzes 2 Nr. 1 beizufügen.

… Soweit.. so gut, ..das Tierschutzgesetz schreibt also vor dass zumindest im Bereich der gewerblich tätigen Personen ein Nachweis über die Sachkunde betreffen die Haltungsbedingungen von Pferden erbracht werden muss. Wie sieht es aber mit der wesentlich größeren Anzahl von Personen aus die im Freizeitbereich oder als Hobbyzüchter mit Pferden umgehen und demnach den wesentlich größeren Personenkreis stellen?

Auch hier sagt der Paragraph § 1 ganz deutlich dass der Mensch aus der Verantwortung gegenüber dem Tier die Pflicht hat dessen Leben und Wohlbefinden zu schützen. Noch klarer sagt es Abschnitt 2 § 2 .. „das Tier muss seinen Bedürfnissen entsprechend untergebracht, gepflegt und gefüttert werden und die mit seiner Betreuung befindlichen Personen müssen über entsprechende Kenntnisse verfügen.“

Wie sieht es nun in der Praxis dazu aus?

Nun hat gemäß bereits oben aufgeführtem Abschnitt 2 § 2a das Bundesministerium zwar die Möglichkeit Verordnungen über Haltungsbedingungen hinsichtlich aller dort gelisteten Kriterien zu erlassen und nach Überprüfung gegebenenfalls Auflagen zu verordnen, jedoch krankt es in der Praxis an der Durchführbarkeit zur Überprüfung der Sachkunde bei Privatpersonen die Pferde halten, betreuen oder auch nur aushilfsweise tätig werden.

Die Praxis zeigt deutlich dass, wenn es zu gravierenden Unfällen kommt, seltener der „ Profi“ beteiligt ist als vielmehr der Hobbyist welcher nach „ bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat“ was sich aber dann im konkreten Fall als nicht ausreichend, beziehungsweise sogar ursächlich für den Unfall heraus stellt.

Abhilfe scheint hier eindeutig von Nöten zu sein! Wo kann sie ansetzen und wie ist sie in der Praxis umzusetzen?

Lobenswerte Initiativen gibt es durchaus- so bietet beispielsweise die FN die sogenannte Basispassprüfung an die sich als Einsteigerprüfung für alle Pferdeinteressierten versteht, sich aber in Aufmachung und Durchführung doch eher an Kinder und Jugendliche als an Erwachsene richtet und Wissen über Pferdeverhalten und dessen Konsequenzen für den Umgang mit dem Pferd lediglich in den Grundzügen vermittelt. Die Prüfung bezüglich des Sachkundenachweises Pferdhaltung wird von unterschiedlichen Institutionen angeboten, aber auch hier wird dem Bereich Pferdeverhalten, hier insbesondere dem Aspekt dass es sich beim Pferd um ein Flucht-, Herden-, und Beutetier handelt nur ein recht geringes Augenmerk geschenkt. Hier stehen vor allem die existenziellen Bedürfnisse des Pferdes in puncto Raum, Fütterung, Licht, Bewegungskomfort etc. im Vordergrund, was ja auch grundsätzlich richtig ist und keineswegs geschmälert werden soll.

Bleibt also zum Einen die Frage wie ein fundiertes Grundwissen über Pferdeverhalten und seine in der Praxis daraus resultierenden Konsequenzen einem breiten Publikum nahe gebracht werden kann, und zum Zweiten der Aspekt inwieweit der Nachweis über dieses Wissen auch für den im privaten Bereich mit dem Pferd beschäftigten Menschen zur Pflicht werden sollte?

Das Tierschutzgesetz differenziert in Abschnitt 2§ 2 diesbezüglich nicht in gewerblich tätige und Privatpersonen, folglich müsste der Sachkundenachweis also für jeden verbindlich sein, wobei sich die moralische Pflicht für den verantwortungsvollen Pferdeliebhaber sowieso nicht von der Hand weisen lässt. Was fehlt sind hier eindeutig Verordnungen die diesen Anspruch auch juristisch regeln. Im Bereich der Tiertransporte wurde mit Beginn des Jahres 2008 bereits eine dementsprechende Verordnung erlassen wonach die Durchführung von Wirbeltiertransporten nur mit dem Befähigungsnachweis für Tiertransporte erfolgen darf.

Ähnliches wäre auch im Bereich der Pferdehaltung und- betreuung denkbar und hier sind eindeutig die entsprechenden Gremien gefragt um eine dementsprechende Gesetzesgrundlage auf den Weg zu schicken! Wie die Vergangenheit zeigt wird viel zu oft erst dann Initiative ergriffen wenn sich spektakuläre Zwischenfälle in größerer Zahl ereignen. Jedem wird diesbezüglich der Zusammenhang zwischen vermehrten (tödlichen) Zwischenfällen mit ( Kampf-) hunden ins Gedächtnis kommen und in der Folge davon ( endlich…) 2001 die in den einzelnen Bundesländern greifenden Kampfhundeverordnungen. (Hier soll nicht bewertet werden ob diese Verordnung in der Praxis tatsächlich den Bedürfnissen entspricht!)

Erwähnt werden muss hier sicher nicht explizit dass schlichtweg jeder Unfall bei dem es zu Personen- oder Tierschäden kommt, bereits einer zu viel ist und dass die Anzahl derer bei denen es dazu kommt, sofern irgend möglich, unbedingt minimiert werden sollte.

Und wenn Wissen dabei von Nutzen ist sollte die Vermittlung dieses Wissens deutlich an Gewicht gewinnen!

Ansätze wären hier beispielsweise denkbar im Bereich einer Zusammenarbeit der FN und der Zuchtverbände, eventuell sogar in Symbiose mit Versicherungsgesellschaften die den Pferdebereich in ihrer Angebotsliste führen (sie sind schließlich häufig genug die

„ Zahlenden“ bei Unglücksfällen). Auch Institutionen wie die Kölner Pferdeakademie, die bereits Lehrgänge zum Sachkundenachweis Pferd anbietet, könnten beispielsweise ihr Seminarangebot in Richtung eines verhaltensspezifischen Lehrgangs erweitern um hier Hilfestellung zu leisten.

Interessierte würden sich bei entsprechender Bekanntmachung sicherlich finden denn, wie bereits im Vorfeld gesagt- es liegt nicht an der mangelnden Bereitschaft aller mit dem Lebewesen Pferd beschäftigten alles zu ihrer Gesunderhaltung und der Vermeidung von Unglücksfällen zu tun … „sie wissen (noch) in der Mehrheit der Fälle, lediglich nicht was sie tun!

 

Birgit Dohmen (ö.b.v. Sachverständige für Pferdezucht und Haltung, Bewertung von Pferden)